N°29 Postamt Bad Ischl, Österreich
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Januar - April 2024

SOLONG ois bleibt, weils oiwei scho so woa, bin i Feminist:in.

Am 19. Jänner montierte Katharina Cibulka ein rund 200 m 2 großes SOLANGE-Netz an die Außenfassade des Postgebäudes am Auböckplatz 4. Sie wurde von der Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl Salzkammergut 2024 eingeladen, ihre 29. Installation aus der internationalen SOLANGE-Serie in Bad Ischl zu realisieren.

Der Installation ging ein partizipativer Prozess voran. Interessierte Bewohner:innen aus der Region wurden aufgerufen, ihre persönlichen SOLANGE-Sätze einzusenden. Die Resonanz im Salzkammergut war groß: In rund 270 SOLANGE-Sätzen wurden u.a. der Gender-Pay-Gap, Mental Load, unbezahlte Care-Arbeit, Altersarmut, Angst vor Übergriffen, geschlechtsspezifische
Benachteiligungen, die Bewertung von Körpern und Kleidungsstilen, Schönheitsideale, Rollenstereotype und problematische Aspekte der Brauchtumspflege thematisiert.

In einer gemeinsamen Entscheidung mit dem künstlerischen Leitungsteam fiel die Wahl auf den Satz: SOLONG OIS BLEIBT, WEILS OIWEI SCHO SO WOA, BIN I FEMINIST:IN. (As long as things stay the same because it`s always been this way, I will be a feminist.)

Dazu die Künstlerin Katharina Cibulka:
„Wir haben uns sehr bewusst für einen Satz im oberösterreichischen Dialekt entschieden. Sprache ist emotional, die Mundart ist uns noch näher als die Hochsprache. In einem einzigen Satz wollen wir eine starke Message transportieren, die aufrüttelt. Das Salzkammergut lebt von seiner Tradition, Brauchtum wird intensiv gepflegt. Gleichzeitig wollen sich gerade junge Menschen aus Rollenzwängen befreien und ihre Zukunft anders gestalten. Dieses Spannungsfeld ist regional und international zugleich. Wie gehen wir mit diesen Konflikten um, wie reden wir miteinander? Reden wir überhaupt noch miteinander? Wie kann Neues und Altes nebeneinander stehen und sich im besten Fall gegenseitig befruchten?“

Das unhinterfragte Beibehalten von Traditionen wird oft damit gerechtfertigt, dass es ja immer funktioniert habe. Warum also solle man etwas daran ändern? Das Wie bleibt in dieser Argumentation unbeantwortet. Unter welchen Mühen und auf wessen Kosten hat es „funktioniert“? Entsprechen die einst festgelegten Rollenbilder den Menschen, denen sie immer noch zugedacht sind?

Oft täuscht die Bilderbuchidylle, die Basis für Tourismus und gute Einkünfte ist. Wir leben nicht mehr wie zu Kaisers Zeiten. Im Postamt werden keine Telegramme mehr verschickt. Wir fahren nicht mehr mit der Kutsche, sondern mit dem Auto. Niemandem würde es in den Sinn kommen, diese Art des Fortschritts zu hinterfragen. Sobald es jedoch um das Aufbrechen von verkrusteten Strukturen geht, durch die wesentliche Teile der Gesellschaft nicht adäquat repräsentiert und respektiert werden, bildet sich Widerstand. Jeder Veränderung wird mit Misstrauen begegnet, Argumente verhallen ungehört, der Innovation wird durch die sogenannte Tradition ein Riegel vorgeschoben. Tradition wird überhöht, Innovation oft zu Unrecht von vornherein abgelehnt.

Katharina Cibulka:
„Viel zu lange wurden vor allem Frauen, Mädchen und andere marginalisierte Gruppen nicht gehört, hatten keine Stimme. Vieles, was „immer schon so war“, ging und geht nach wie vor auf deren Kosten. Es ist elementar, dass sich das ändert. Dafür setzt sich das SOLANGE-Team ein; mit einem Satz im öffentlichen Raum, der eine Debatte im besten Sinn nach sich ziehen soll: ein Miteinander-Ringen um Positionen, Gespräche in wechselseitigem Respekt, Zuhören ohne sofortiges Werten, Diskussionen mit Achtung voreinander. So könnte Veränderung gelingen, sich Verhärtetes aufweichen lassen, Innovation der Tradition annähern und umgekehrt. So könnte auch die Erkenntnis reifen, dass wir einander in vielen Aspekten näher sind, als wir denken – in der Region Salzkammergut, aber auch in anderen europäischen Regionen.“

 


Kooperationspartner:innen:

European Capital of Culture Bad Ischl Salzkammergut
Kurdirektion Verlagsbuchhandlung GmbH.

 

Fotocredits: Daniel Mayer, Katharina Cibulka, Ferdinand Cibulka