N°19 + N°20 Stadtpfarrturm, Klagenfurt
N°19 + N°20 Stadtpfarrturm, Klagenfurt
Mai 2021–April 2022

SOLANGE manche Herren glauben, Gott zu sein, bin ich Feminist:in.

Dokler bo upanje, ki ga širimo, močnejše od strahu, s katerim se soočamo, bom feminist_ka.

SOLANGE / DOKLER am Turm der Stadtpfarrkirche Klagenfurt
Pfarrplatz Klagenfurt/Celovec, Kärnten/Koroška

INS FREIE / NA PROSTO lädt 2021 Katharina Cibulka mit ihrem SOLANGE (slow. DOKLER)–Projekt nach Klagenfurt/Celovec ein. Katharina Cibulka interveniert mit ihrem seriell angelegten Kunstprojekt SOLANGE diesmal mitten in Klagenfurt, im Rahmen von INS FREIE I NA PROSTO, den seit 2016 jährlich stattfindenden Kulturinterventionen in Kärnten/Koroška.

Macht, Ohnmacht, Ermächtigung
Zur Gleichberechtigung aller Geschlechter ist der Weg noch ein weiter. Dies trifft auch auf die Kirche zu. Dass die Bereitschaft der einheimischen Diözese groß war, selbst an der Formulierung eines zum Stadtpfarrturm passenden Satzes mitzuwirken bzw. diesen sogar zu entwickeln, entspricht dem Grundgedanken von SOLANGE. Cibulkas SOLANGE-Sätze entstehen immer aus einem intensiven Austausch mit den Menschen vor Ort. In der Interpretation des Dompfarrers Peter Allmaier klingt das folgendermaßen: „„Manche Herren glauben Gott zu sein, weil Glauben ein Unwissen bezeichnet. Diese Herren haben keine Ahnung. Einer Ahnung allerdings bedarf es. Sie wüssten dann um den Zusammenhang von Glauben und Vertrauen. „Ich glaube dir“, sagt man zu einem Menschen. Dabei glaubt man nicht irgendetwas, sondern drückt sein Vertrauen aus. Wer darauf vertraut, dass Gott Gott ist, braucht nicht selbst Gott zu spielen. Man kann der Schöpferkraft Gottes vertrauen, die Verschiedenheit unendlich durchzuspielen und doch zu sagen: Ihr seid alle meine Kinder und ich bin in alle gleich verliebt. Es ist ein Zeichen von Unwissen, aus der Verschiedenheit eine Praxis der Ungleichheit abzuleiten, die Benachteiligung heißt. Solange dies geschieht, stelle ich mich auf jene Seite, die benachteiligt wird und deren gleiche Rechte nicht anerkannt werden. Solange dies geschieht, bin ich Feminist.“
Die Künstlerin und ihr Team sehen in diesem vieldeutigen Satz aber nicht nur die Kirche, sondern auch diejenigen Herren in Politik und Wirtschaft angesprochen, deren Bemühungen um Gleichberechtigung und eine faire Gesellschaft bisher ausbleibt. Seit Beginn der Pandemie erfahren gerade Frauen die dunkelste Seite von Ungleichheit; manifest durch vermehrte Gewalt innerhalb jener eigenen Wände, die eigentlich Schutz bieten sollten. Die hohe Zahl an Femiziden in Österreich zeigt dies auf drastische Weise. Wenn sich Männer das Recht herausnehmen, ihren (Ex-)Partnerinnen das Leben zu nehmen, sie gleichsam als Ware, als Besitz zu betrachten, mit dem man nach Gutdünken verfahren kann, ist dies nur die Spitze des Eisberges von systemimmanenter Gewalt.

Könnte Cibulkas Kunst-Intervention am Stadtpfarrturm manche Herren dazu inspirieren, ihr Verhalten zu ändern? Der Ort lädt nicht nur dazu ein, sich Gedanken rund um die Kirche, ihre Institutionen und Vertreter:innen zu machen. Die Künstlerin will mit ihren SOLANGE-Sätzen darüber hinaus gesamtgesellschaftliche Diskussionen anstoßen, eine Auseinandersetzung im besten Sinne anregen:
„Wir setzen uns mit all unserer Kraft für eine solidarische Gesellschaft und einen Diskurs aller Geschlechter auf Augenhöhe ein. Es ist unser wichtigstes Anliegen, das Einende vor das Trennende zu stellen und möglichst Alle in einen Dialog zu holen. Wer keine Worte für sein Unbehagen, seine Frustration, seine Wut findet, greift zur Gewalt.“, erläutert die Künstlerin ihre Beweggründe für ihre Kunstaktionen im öffentlichen Raum.

Stadtpfarrprovisor Gerhard Simonitti freut sich, dass der Stadtpfarrturm in der Bauphase durch Cibulkas Kunstaktion nicht nur Aufmerksamkeit erregt, sondern auch einen Denkanstoß liefert und eine klare Ausrichtung erfährt: „Ich hoffe, dass diese kurze Kunstintervention den notwendigen Impuls bringt, sich mit den eigenen Wertvorstellungen auseinanderzusetzen.“ Sieht Simonitti im Turm einen „mahnenden Hinweis auf die Gegenwart Gottes in der Stadt, auf die christliche Grundprägung unserer Gesellschaft und hier das christlich geprägte Menschenbild“, so rückt Katharina Cibulka einen ganz anderen Aspekt in den Vordergrund:

“Zuversicht ist mein Motor”, so die Künstlerin. “Wäre ich nicht Optimistin, könnte ich nicht Feministin sein. Mancher Herr muss vom Podest heruntersteigen und jenen den Vortritt lassen, die auf Kooperation statt auf Konfrontation setzen. Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass die Anliegen, die wir als Feminist:innen haben, nur gemeinsam gelöst werden können. Feminismus ist eine gesellschaftspolitische Angelegenheit, keine Frauensache.“

 

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Präsentiert von:
FLUX23, KD BARBA und dem Baukulturjahr 2021 / Architektur Haus Kärnten

In Kooperation mit:
Mädchenzentrum Klagenfurt, Pfarre St. Egyd und Übersetzerin Daniela Kocmut

Unterstützt vom:
Land Kärnten Kultur, dem BMKOES, Frauenreferat des Landes Kärnten, der Stadt Klagenfurt Kultur und dem Stadt Klagenfurt Büro für Frauen & Chancengleichheit

 

© Fotocredits: Christian Brandstaetter