N°26 Biennale d’Art et d’Architecture du Frac Centre-Val de Loire, Vierzon, Frankreich
N°26 Biennale d’Art et d’Architecture du Frac Centre-Val de Loire, Vierzon, Frankreich
N°26 Biennale d’Art et d’Architecture du Frac Centre-Val de Loire, Vierzon, Frankreich
September 2022-Januar 2023

TANT QUE mon anatomie déterminera mon autonomie, je serai féministe.

SOLANGE meine Anatomie meine Autonomie bestimmt, bin ich Feminist:in.


Im Rahmen der „Biennale d’Art et d’Architecture du Frac Centre-Val de Loire“ in Vierzon im Süden von Paris präsentieren wir erstmals eine unserer großformatigen Stickarbeiten mit feministischer Botschaft in Frankreich. Thema der Biennale: „Unbegrenzte Freiheit, eine Welt für eine feministische Demokratie“. Präsentiert werden ausschließlich die Werke von Frauen.

Unsere Netze interagieren stets mit dem Ort, an dem ein SOLANGE-Satz installiert wird. Vierzon ist eine Industriestadt, die in die Jahre gekommen ist und deren Schicksal von einschneidenden wirtschaftlichen Umwälzungen bestimmt wurde. Früher als Handelsstadt von Größe und überregionaler Bedeutung geprägt, ist Vierzon heute vor allem ein Verkehrsknotenpunkt der französischen Bahn. Direkt gegenüber dem Bahnhof, an der Fassade einer ehemaligen Lagerhalle für landwirtschaftliche Maschinen, wird das SOLANGE-Netz Nr. 26 alle Besucher:innen und Bewohner:innen von Vierzon begrüßen.

Jedem Satz gehen intensive Recherchen und Gespräche mit Bewohner:innen vor Ort voran. 16-jährige Schülerinnen in Vierzon fühlen sich eingeschränkt, wenn sie sich bei Kampfsportarten anhören müssen, das sei doch nichts für Mädchen. Sie klagen darüber, dass ihre Kleidung kommentiert wird, sie nachts nicht ohne Angst durch die Straßen gehen können. Eine Sozialarbeiterin spricht über die vielfältigen Benachteiligungen, denen Frauen am Arbeitsmarkt und als Alleinerzieherinnen ausgesetzt sind, darüber, dass sie den ‚mental load‘ alleine tragen und dies oft nicht einmal hinterfragen. Eine Stadtpolitikerin zitiert aus einer landesweiten Studie, aus der hervorgeht, in wie vielen Bereichen Frauen noch immer Aufholbedarf haben.

TANT QUE MON ANATOMIE DÉTERMINERA MON AUTONOMIE, JE SERAI FÉMINISTE.

SOLANGE meine Anatomie meine Autonomie bestimmt, bin ich Feminist:in.

Alle Themen, die in den Gesprächen erwähnt wurden, haben – auf deren Kern reduziert und komprimiert – damit zu tun, dass allein das Geschlecht als unverrückbarer Parameter darüber entscheidet, welche Privilegien und Freiheiten jemand hat oder eben nicht; und zwar per Geburt, ohne je darauf Einfluss nehmen zu können. In weiterer Folge kann jedoch Geschlecht auch durch Hautfarbe, Religion, sozialer Status, Herkunft etc. ersetzt bzw. erweitert werden.

„Im Französischen bedeutet „Anatomie“ nicht nur Aufbau und Gestalt des menschlichen Körpers, sondern inkludiert auch soziale Parameter, also alles, was zum Erscheinungsbild dazu gehört. Diese erweiterte Bedeutung gefällt uns deshalb so gut, weil sich dieser SOLANGE-Satz nicht ausschließlich an weiblich gelesene Menschen richtet, sondern an all jene, die aufgrund unterschiedlichster äußerlich sichtbarer Merkmale diskriminiert und in ihrem Bewegungsradius eingeengt werden.“

In vielen Ländern Europas, aber auch der USA erleben wir derzeit einen erschreckenden Backlash, der von diversen Gruppierungen unter massivem Einsatz von Social Media konsequent und rasant vorangetrieben wird. Es geht darum, die Hegemonie des weißen Mannes mit allen Mitteln zu verteidigen und Frauen bzw. andere benachteiligte Gruppierungen unserer Gesellschaft zu diskreditieren und zu deklassieren

SOLANGE lädt ein, Teil einer Veränderung zu sein, die den Prinzipien von Menschlichkeit und Gleichwürdigkeit verpflichtet ist. Die Demokratie ist die starke Basis für eine gerechte Gesellschaft. Die Zentren der Macht sind jedoch nach wie vor männlich dominiert, wichtige Entscheidungen werden überwiegend von Männern getroffen, selbst wenn sie mehrheitlich Frauen betreffen. Dies gilt es konsequent zu verändern, mit allen Mitteln, auch und gerade mit jenen der Kunst im öffentlichen Raum, die Aufmerksamkeit schaffen kann.

Eines unserer zentralen Anliegen ist es, ein wechselseitiges Verständnis zu generieren – dies gelingt nach wie vor am besten in einem Gespräch, das von Respekt und Empathie getragen wird.

Wir greifen das Motto der Biennale nochmals auf:

„Wer bin ich, wenn ich hinter einem Vorhang stehe und nicht gesehen werde? Ich bin Stimme, Persönlichkeit, Inhalt, Geist, Meinung, Haltung … Mensch. Ohne Anatomie bin ich autonom, grenzenlos frei. Ich bin befreit von den Grenzen, die mir Kleidung setzt, die mir Hautfarbe setzt, die mir Religion setzt, die mir Status setzt; aber auch befreit von Privilegien jeder Art. Ich stehe auf einer Stufe mit anderen. Genau dort will ich stehen, Seite an Seite, solidarisch, respektvoll, auf Augenhöhe mit meinem Gegenüber. Dies ist mein Menschenrecht. Dies ist unser Verständnis von Feminismus.“

In diesem Sinne: Come join us in spreading equality!

 

© Fotocredits: Katharina Cibulka